Der Menschenfresser

Im August 2007 erschien in einer chinesischen Zeitung ein Artikel, in dem beschrieben wurde, dass im Huadu Furong Stausee in Guangdong immer wieder badende Menschen auf mysteriöse Weise verschwinden. Kurz vor Veröffentlichung des Artikels waren gerade wieder zwei Schwimmer in den Tiefen des Stausees versunken, darunter der Bruder eines Parteikaders. Vordergründig handelte es sich um banale Badeunfälle. Doch schliesslich wurde das Geheimnis gelüftet: die Ursache für das geheimnisvolle Verschwinden der Schwimmer war ein menschenfressender Wels! Lokale Fischer konnten einen 3m langen Riesen-Wels fangen, der eine Maulöffnung von über einem Meter aufwies. Als das gewaltige Exemplar nach dem Fang zerlegt wurde, fand man im Magen des Tieres noch die Überreste eines Menschen!

Da die lokalen Behörden Angst um den Tourismus in der Region hatten, verhängten sie kurzerhand eine Nachrichtensperre über diesen Vorfall. Einige Leute hatten von dem Ereignis aber schon Fotos geschossen, die sofort danach im Internet kursierten. Daraufhin wurde ein offizielles Badeverbot für den Stausee erlassen, da man befürchten musste, dass sich noch weitere menschenfressende Welse in dem Stausee verborgen hielten.

Soweit die Geschichte, wie sie in China verbreitet wurde.

Aus biologischer Sicht könnte es sich bei dem Menschenfresser – Wels, zumindest in Bezug auf die Grösse, ja eigentlich nur um den Giant Mekong Catfish Pangasianodon gigas gehandelt haben (der in einem Unterkapitel schon vorgestellt wurde). Das wäre der einzige Pangasius – Wels, der bei einer Maximalgrösse von 3m zu der Beschreibung passen würde. Da dieser Riesenwels aber eher ein gutmütiger Vertreter der Gattung Pangasius ist – er ernährt sich überwiegend von Algen und Kleintieren –  scheidet er damit für die Rolle des Menschenfressers aus. Schaut man sich nun die Fotos genauer an, die die Geschichte belegen sollen, erkennt man unzweifelhaft einen Walhai (Rhincodon typus). Dieser ist als reiner Planktonfresser allerdings genauso harmlos, wie der Riesen-Pangasius. Darüberhinaus leben Walhaie ausschliesslich im Salzwasser und können demnach im Huadu Furong Stausee gar nicht vorkommen. Es wurden wohl echte Aufnahmen eines erlegten Walhais verwendet, um eine erzählte Geschichte zu illustrieren. Ganz offensichtlich handelt es sich also bei dieser Geschichte rund um den “menschenfressenden Pangasius” nur um einen “Hoax” –  einen gefälschten  Mythos, der sich über das Internet verbreitet. Wer die Geschichte im Original nachlesen möchte, der klicke hier:

http://www.shanghaiist.com/2007/08/11/amazingly_huge.php

Dank geht an die Betreiber des “Bestiarium”- Blogs bei “kryptozoologie.net”, auf deren Seite ich auf die Geschichte gestossen bin. Diese sehr spannende Webseite finden Sie auch in meiner Linksammlung.